• «Eigentum unter Druck»

«Eigentum unter Druck»

09.08.2019

Reiner Eichenberger – Der Ökonomieprofessor der Universität Freiburg wird am Grossanlass der Sektionen des HEV Baselland vom 20. August das Hauptreferat halten. Bereits jetzt stellt er im Interview mit dem «Hauseigentümer» fest: Das Wohneigentum ist von der Politik besonders stark betroffen.

Hauseigentümer: Herr Eichen­berger, wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Hauseigentümerinnen und -eigentümer?

Reiner Eichenberger: Hauseigentum ist von vielen Seiten unter Druck: Erstens ist in der Schweiz in den meisten Kantonen der Privatbesitz von natürlichen Personen weit überbesteuert. Das ist eine Folge davon, dass die Schweiz die höchste Vermögenssteuer in Europa hat und die Kapitalerträge von Privatpersonen voll besteuert. Die meisten Länder haben keine Vermögenssteuern und besteuern die Kapitalerträge nur etwa zur Hälfte. Zudem werden überall die nominellen Erträge besteuert statt die realen, also unter Abzug der Geldentwertung durch Inflation.

Zweitens werden Liegenschaften noch höher als «normale» Anlagen wie Aktien und Obligationen besteuert, insbesondere wegen der Liegenschaftsgewinnsteuer und der falschen Berechnung des Ertrags durch die Eigennutzung. Da kann man sagen: Das ist nicht normal.

Drittens werden die Mieter zunehmend explizit und implizit subventioniert, sei es durch die vielen staatlichen Wohnungen, die Vergabe von staatlichem Land für Genossenschaften und private Projekte mit Kostenmiete zumeist weit unter dem Marktwert, sowie durch die vielen Mietpreisvorschriften. Natürlich muss jemand diese Subventionen bezahlen. Dieser Jemand sind die Hauseigentümer.

Viertens gibt es eine allgemeine Sozialisierungswelle. Die verbirgt sich auch unter anderem unter dem Schlagwort «verdichtetes Wohnen». Da wo es auf «Einpferchen» hinausläuft, ist es ein Feind von Wohneigentum und Freiheit.

Wie beurteilen Sie das System des Eigenmietwerts, der besteuert wird?

Die Steuertheorie sagt: wirtschaftlich vergleichbare Tatbestände sollten gleich besteuert werden. Selbstgenutztes Wohneigentum sollte also steuerlich gleich behandelt werden wie vermietete Immobilien sowie Aktien und Obligationen. Daraus leiten viele Theoretiker eine Rechtfertigung für den Eigenmietwert ab. Dem folge ich, aber man muss weiterdenken: Erstens muss man den Eigenmietwert richtig berechnen. Heute wird er falsch und viel zu hoch berechnet. Natürlich müssten zusätzlich Abschreibungen sowie die Eigenleistung der Hausbesitzer abziehbar sein.

Zweitens sind ja wie schon betont auch Aktien und Obligationen überbesteuert. Richtig wäre also, das private Vermögen ganz generell tiefer zu besteuern. Drittens kann man auch folgend argumentieren: Wohneigentum ist für viele eine Form der Altersvorsorge und so eine Alternative zur zweiten Säule. Also sollte es so behandelt werden wie Sparen in der zweiten Säule, sprich es sollte weitgehend steuerfrei sein und auch keiner Vermögenssteuer unterliegen.

Was wäre ein alternatives System?

Richtig gerechnet ist der Eigenmietwert unter Berücksichtigung der bisher schon zugelassenen Abzüge sowie neu von Abschreibungen und Eigenleistungen der Hauseigentümer sehr klein. Ich würde ihn deshalb aufheben. Nicht weil er theoretisch falsch ist, sondern weil die Theorie zu Ende gedacht sagt: Der Eigenmietwert ist irrelevant.

Das klingt aufs Erste für viele überraschend. Der Punkt ist aber folgender: Eine Investition in Immobilien dürfte unter Berücksichtigung aller wichtiger Aspekte im langfristigen Durchschnitt etwa so rentieren wie ein gut angelegtes Wertschriftenportefeuille. Das bringt einen realen Ertrag von etwa 1 bis höchsten 1,5 Prozent – so wie ihn unsere Pensionskassen haben. Die Vermögenssteuer in der Schweiz beträgt in den meisten Kantonen je nach Vermögenshöhe zwischen 0,3 und 1 Prozent. Damit ist der Immobilienertrag also schon alleine durch die Vermögenssteuer voll- bis überbesteuert.

Deshalb gilt: Vergesst die Besteuerung des Eigenmietwerts! Aber wichtig: Natürlich müssen die Schuldzinsen auf Hypotheken weiterhin im vollen Umfang von den anderen Kapitalerträgen eines Steuerzahlers abziehbar bleiben. Denn mit den Hypotheken finanzieren sich viele nicht wirklich ihr Haus, sondern ihre anderen zinstragenden und besteuerten Anlagen.

Wo sehen Sie die Stärken einer Organisation wie dem HEV BL?

Natürlich ist die Interessenorganisation der Hauseigentümer enorm wichtig. Hauseigentümer haben spezielle Probleme, die direkt mit dem Hauseigentum zusammenhängen. Da kann der Verband viel helfen.

Zudem sind die Hauseigentümer von der allgemeinen Politik ganz besonders stark betroffen, weil sich die Entwicklung der Standortqualität direkt in der Hauswertentwicklung spiegeln. Hauseigentümer sind deshalb ganz besonders auf eine gute langfristig ausgerichtete Politik angewiesen. Da manche Wirtschafts-Dachorganisationen immer weniger liberale Grundsätze und immer mehr nur kurzfristige Interessen der Manager von Grossbetrieben vertreten, wird eine wirksame Interessenvertretung der Hauseigentümer immer wichtiger.

Interview: dan

Reiner Eichenberger

Reiner Eichenberger ist seit 1998 Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Uni Fribourg sowie Mitbegründer und Forschungsdirektor von CREMA (Center for Research in Economics, Management and the Arts). Er promovierte und habilitierte in Volkswirtschaftslehre an der Uni- versität Zürich. Spezialisiert ist er insbesondere auf die ökonomische Analyse des politischen Prozesses und politischer Institutionen. Im Ranking von NZZ und FAZ zum gesellschaftlichen Einfluss von Ökonomen in der Schweiz belegte er 2016, 2017 und 2018 den zwei- ten Platz. 2016 wurde ihm der STAB-Preis (Stiftung für Abendlän- dische Ethik und Kultur) verliehen.